Künstliche Intelligenz – mögliche Szenarien und Anfragen an eine christliche Ethik
„Wann fragt die erste KI nach ihrem Schöpfer?“
Diese provozierende Frage setzte Prof. Dr. Jörg Kopecz aus Bonn über seinen Vortrag, den er am 22. Mai 2025 in Recklinghausen hielt. Die Ev. Akademie Recklinghausen und das Diakonische Werk im Kirchenkreis Recklinghausen hatten diesen besonderen Experten (Prof. für Unternehmensführung und digitales Transformationsmanagement) eingeladen. Es vergeht fast kein Tag, an dem nicht die Vorzüge oder die Gefahren von ChatGPT und Co in den Schlagzeilen sind. Dieser Abend sollte die Welt der KI näherbringen; und dazu mussten die Zuhörenden keine IT-Expert*innen sein.
Außerdem ging es Prof. Kopecz darum, zu bedenken, welche Aufgabe und Verantwortung vor Gott und den Menschen die jetzige Generation im Blick auf die nachfolgende hat. Denn mit der KI entwickeln sich aktuell Rahmenbedingungen des Lebens, die das menschliche Leben, die Kultur des Zusammenlebens und der Kommunikation unumkehrbar beeinflussen werden. Der Referent machte dies am Bild der Milch im Kaffee deutlich, die man anschließend nicht mehr voneinander trennen könne.

Spannend referierte Prof. Kopecz die Geschichte der Künstlichen Intelligenz von den 1950er Jahren (Turing-Test) bis zur Gegenwart. Er verglich das menschliche Gehirn mit den heutigen Fähigkeiten KI-gestützter Technologien und stellte fest, dass die Fähigkeiten des Menschen etwas komplett anderes sei als die KI, die Daten „frisst und verdaut“.
Der Nutzen von KI ist enorm. Sie kann sehr schnell große Mengen von Daten bearbeiten, menschliche Schwächen kompensieren, Verhalten analysieren und personalisieren, Risiken und Gefahren analysieren und vermeiden helfen. In der künstlichen Biologie gibt es Anknüpfungen an das menschliche Nervensystem und Erfolge mit Exo-Skeletten, die Menschen wieder das Gehen oder Greifen ermöglichen.
Gleichzeitig kann die Fähigkeit der Personalisierung zu großen ethischen Problemen führen, wie man es bei den Drohnenschwärmen in der aktuellen Kriegsführung, bei Kreditvergaben oder in der Kriminalitätsbekämpfung („pre-crime-software“) heute schon sehen kann. Bereits jetzt kommt es z.B. zu systemimmanenten Diskriminierungen, weil die KI aufgrund der Daten, mit denen sie angelernt wurde, bestimmte Bevorzugungen oder Benachteiligungen empfiehlt. Der Referent brachte dies mit einem schönen Satz auf den Punkt: „KI hat nicht das gewünschte neutrale Verhalten, das wir gerne hätten.“
Aktuell stellt sich im Internet täglich die Frage nach der Wirklichkeit von Bildern und Videos sowie nach der Wahrhaftigkeit von Texten und Nachrichten. Die „Wirklichkeit“ ist heute schon nicht mehr wahrnehmbar. Bei jedem Bild und jedem Text besteht heute der Zweifel an der Echtheit.
Die Weltgemeinschaft braucht dringend und unbedingt einheitliche Regeln, um diese Frage zu beantworten. Da es aktuell nur 12 % demokratische Gesellschaften auf die Welt gibt, besteht hier ein großer Streit und wenig Hoffnung auf eine Einigung im Blick auf weltweite ethische Normen.
Spätestens hier wird deutlich, dass aktuell eine Fülle von ethischen Problemen entstehen, über die eine Gesellschaft oder die Weltgemeinschaft einen Diskurs führen muss. Aus der Sicht christlicher Ethik wäre die Künstliche Intelligenz so weiter zu entwickeln, dass sie der Schöpfungsordnung dient, dass sie dem Frieden und der Gerechtigkeit dient. Es geht immer darum, „Schwache zu schützen und das Leben zu fördern“.
Prof. Kopecz, der selbst neben Physik auch Theologie studiert hat und Mitglied der Landessynode der Ev. Kirche im Rheinland ist, merkte kritisch an, dass die evangelische Kirche und die wissenschaftliche Theologie in dieser zentralen Frage nicht präsent sind. Hier fehlt offensichtlich viel Kompetenz, um am aktuellen ethischen Diskurs teilzunehmen. Dabei sind die Fragen, die sich gerade stellen, keine neuen Fragen: In welcher Welt wollen wir leben? Welche Aufgaben ergeben sich aus unserem Glauben und der daraus abgeleiteten Verantwortung für die Schöpfung? Was wird aus dem protestantischen Prinzip der individuellen Verantwortung vor Gott und der Schöpfung, wenn wir die Wege in die Künstliche Intelligenz weiter zulassen.
Die Anwesenden führten nach dem Vortrag von Prof. Kopecz ein sehr anregendes Gespräch. Die meisten Teilnehmenden waren dankbar für die Informationen und den Überblick. Zugleich bestand der Wunsch nach einer vertiefenden Veranstaltung, da schon heute spürbar sei, dass die Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz das Leben verändert und weiter verändern werden.
Peter Burkowski, 24.05.2025